Die Schönheit des Olivenbaums

Im Rahmen des Sommers in Stuttgart vom Musik der Jahrhunderte versetzte Rupert Huber die Neuen Vocalsolisten und das Stuttgarter Kammerorchester in meditative Stimmungen.

Der österreichische Komponist, Chorleiter und Dirigent Rupert Huber, ein wahrer Visionär der Klänge, verbindet in seinem neuen, etwa einstündigen Stück sehr verschiedene Techniken der Komposition zu einer klingenden Reise in die Welt des Olivenbaums und seiner Früchte, der uralten Symbole von Fruchtbarkeit und Frieden. Im ersten Teil, „Das Ölblatt“ bezieht er sich auf die biblische Geschichte von der Arche Noah. Denn Noah schickte eine Taube aus, die „ein gepflücktes Ölblatt in ihrem Schnabel“ trägt, wie Martin Buber übersetzt hat. Die sprichwörtlich gewordene Friedenstaube ist also bloß die Überbringerin des Symbols, das Blatt ist zudem wesentlicher als der Zweig. Huber schrieb dazu ein auskomponiertes, großteils traditionell notiertes Stück für ein Streichorchester, welches sich im Halbkreis um das Publikum befindet. Etwa in der Mitte des belebten, kontrastreichen Satzes erhebt sich daraus ein Violinsolo, welches wie das Angebot eines Friedensvertrags wirkt. Der folgende Klangteppich wird immer leiser und leiser; das Ende fließt gleichsam in siebzehn Einzelstimmen aus. Pausenlos schließt daran der zweite Satz an, „Aceiuntas con vino“ (Oliven und Wein), wie ein tönendes Band, über dem sich die Stimme der Maria de Alvear erhebt. Die Interpretin improvisiert diesen Gesang über all das sinnlich Schöne, Bewegende, Elementare, das im Olivenbaum und seinem Bruder, dem Weinstock, steckt.

Vor dem dritten Satz, „Al Olivo, al Olivo“, gibt es eine kurze Umbaupause, denn das Schlagzeug muss nun in Kreisform rund um den Spieler aufgestellt werden. Ein spanisches Volkslied ist die textliche Grundlage, die allerdings nicht gesungen, sondern vom Musiker leise mitgesprochen wird, und die hier in einer spontanen, freien Übersetzung des Komponisten wiedergegeben wird: „Zum Olivenbaum wollte ich hinaufsteigen, um einen Zweig zu brechen. Doch ich fiel hinab. Und wer hat mich aufgehoben? Eine kleine braune Fremde, welche mir die Hand gab. Eine kleine Braune und sie war die, die ich haben wollte, die meine Frau werden sollte.“ Der irrationale Rhythmus dieses ebenso einfachen wie poetischen Textes bildet die Grundlage der Musik, die diesmal von einem einzigen Spieler bewältigt wird. Im Kreis um ihn befinden sich ein Semantrom, die Stundentrommel des östlichen und westlichen Christentums, die Glocken ersetzend, eine Schlitztrommel namens Krin aus Guinea, die auch vor Moscheen gespielt wird, Messingteller, eine Riesentrommel und sogar Autofelgen. Musik und Text werden auch in diesem Satz immer langsamer, gleiten behutsam in einen freien Raum.

Zum Höhepunkt des Stücks wird der vierte Teil, „Das Licht der Öllampe“, von Rupert Huber auf eigenwillige Art graphisch notiert. Der von den Vokalsolisten gesungene Text stammt aus dem Koran und lautet in der wundersamen alten Übersetzung des Lyrikers und großen Orientalisten der Romantik, Friedrich Rückert: „Gott ist das Licht des Himmels und der Erde. / Das Gleichnis seines Lichtes ist / wie eine Nisch’, in welcher eine Leuchte. / Die Leuchte ist in einem Glas. / das Glas ist wie ein funkelnder Stern, / die angezündet ist vom Segensbaume, / dem Ölbauch, nicht aus Osten, nicht aus Westen, / das Öl fast selber leuchtet, wenn’s / auch nicht berührt die Flamme.“ Um dieses „goldenen Licht in einem dunklen Zimmer“ zu erzeugen, füllte Huber einen Cognacschwenker mit feinem italienischem Olivenöl und platzierte darin eine Schwimmkerze, wie sie in der orthodoxen Liturgie bekannt ist. Das Licht, so der Komponist, „ist so wahnsinnig warm und eine Metapher für Allah, für Gott.“ Die Koransure diente in geschriebener, arabischer Urform als Grundlage für die Stimmen der Partitur, „durch die Linse gebrochen“. Aber wie kommt es anhand der Graphiken, die allein für sich als formschöne und abstrakte bildende Kunst gelten können, zur Musik, in der sich nun das Streichorchester, die Vokalsolisten und der Schlagzeuger vereinigen? „Ich habe die Öllampe hingestellt“, so Huber, „dann hat das Licht eine Wirkung auf die Menschen, als klänge es als Resonanz aus ihnen heraus.“ Zur Verdeutlichung eine Metapher: „Ich bin eine Gitarre, kein Spieler, ich sehe das Licht von außen und der Wind bringt die Saiten zum Klingen.“ Dazu müssen sich die singenden und spielenden Menschen „freischaufeln von Klischees und Konzepten, müssen sich fallenlassen – die Devise ist: nicht ich singe, es singt.“ Hubers schon erprobtes, immer wieder neu faszinierendes „Wirkungssingen aus der Intuition“ wird hier auch von den Instrumente praktiziert: „Welche Art von Klang, Harmonie, welche Tonhöhen daraus entstehen, wird endgültig erst in der Aufführung hörbar und fühlbar.“

 

                                                                                                          Gottfried Franz Kasparek

Impressionen aus der Generalprobe: Galerie

Foto: Susanne van Loos