Im Gespräch mit Iiro Rajakoski

Iiro Rajakoski ist seit gut einem Jahr Bratschist beim Stuttgarter Kammerorchester. Ein guter Anlass für eine Unterhaltung über seine Heimat Finnland, den Reiz Neuer Musik und die Sprache der Bratsche.

Alttuviulu – das finnische Wort für die Bratsche kommt der Färbung des Instruments klanglich vielleicht näher als das deutsche, mit seinem fast quälend langen aaa und dem unerwarteten Zischen in der Mitte. Alttuviulu, das sind dunkle, schwere Vokale, die in der Bezeichnung der Bratsche als Altvioline doch glasklar sind. Ein bisschen etwas von dieser glasklaren Schwere hat auch Iiro Rajakoskis Sprache: gedämpfter Klang, präzise Antworten. Sachlich, fast streng, erzählt er, wie er als Dreijähriger in seiner Musikschule in Helsinki zum ersten Mal eine Violine in die kleinen Kinderhände nahm. Er lernte mithilfe der Suzuki-Methode, einem Lehrmodell, bei dem jüngere und ältere Kinder zusammen musizieren und bei dem auch die Eltern in die Ausbildung eingebunden sind. Die Erfahrung des Zusammenspiels, sich von der Dynamik einer Gruppe motivieren zu lassen und im ständigen Geben und Nehmen mit anderen zu stehen, prägen seine Erfahrung. Aber von alledem weiß der kleine Iiro freilich noch nichts. Auch nicht, dass er irgendwann einmal beim Stuttgarter Kammerorchester – noch dazu hinter dem Bratschenpult – spielen wird. Denn bis er von seinem frühkindlichen Violinunterricht in Helsinki schließlich zum Bratschenpult in Stuttgart fand, sollten noch etliche Jahre vergehen.

Mit 24 Jahren nahm er das erste Mal eine Viola in die Hand, danach galt sein Interesse einige Jahre lang beiden Instrumenten parallel. Erst im Alter von 27 Jahren fiel die finale Entscheidung für die Bratsche, die fortan sein Instrument werden sollte, es vielleicht gar wollte. Zwei Personen haben ihn damals zum endgültigen Wechsel bewegt: Nobuko Imai, seine Professorin am Genfer Konservatorium, die ihm riet, mutig und ganz zur Bratsche zu stehen. Und Johann Sebastian Bach, dessen Sechs Suiten für Cello er unbedingt mit der Bratsche spielen wollte. Der Bratschenschlüssel wird beinahe zum Sinnbild für den Eintritt in eine neue Welt; der Schlüssel für die Tür zur „Bratschenwelt“, wie er sie nennt. Im Vergleich zu manch anderem Bratschisten, der der Geige völlig abgeschworen hat, wollte Iiro Rajakoski der Violine jedoch nie ganz Adieu sagen. „Die Geige wird immer ein großer Teil von mir sein“, sagt er und man kann spüren, dass Leidenschaft nicht weniger wird, wenn man sie aufteilt. Welch Glück, dass manche Entscheidungen gar kein definitives Entweder-Oder verlangen.

Wenn Iiro Rajakoski die Bratsche nicht gerade durch die Violine tauscht, dann gerne auch einmal durch seine Kamera. Sein aktuelles Lieblingsmotiv? Die Weinberge der neuen Heimat Fellbach. Hier könne man stundenlang spazieren gehen und – das Ernste fällt für einen Moment ab – „danach ins Weinstüble“. Die Frage, was er an Finnland am meisten vermisst, ist noch nicht zu Ende gestellt, da ist schon klar: „Ein bisschen mehr Schnee wäre schon gut,“ gesteht er fast entschuldigend. Wobei er sich über die ersten Wochen des neuen Jahres nicht beklagen will. Stuttgart ist fast ein bisschen Helsinki geworden. Und neulich beim Langlaufen im Welzheimer Wald war die Sehnsucht wenigstens ein bisschen gelindert.

Die Rolle seiner finnische Herkunft für besondere Repertoire-Vorlieben ist wahrscheinlich naheliegend: Denn wer Finnland und klassische Musik zusammen bringt, wird, klar, wohl zuerst bei Jean Sibelius landen, an dessen siebzigsten Todestag die Klassikwelt in diesem Jahr erinnert. Dass der Komponist in Finnland dabei eine Art Nationalheiliger ist, beschreibt Iiro Rajakoski im Tonfall vage aufkeimender Sehnsucht: „Sibelius ist einfach unsere Musik – Sibelius ist unsere Heimat.“ Aber auch die Neue Musik-Szene ist, so erzählt Iiro Rajakoski, in Finnland ausgesprochen aktiv. Komponisten wie Sebastian Fagerlund (aktuell Composer in Residence beim Concertgebouw Amsterdam) oder der jüngst verstorbene Einojuhani Rautavaara stehen für unbändige Progressivität und die Lust an der Gegenwart. Aulis Salinnen ja sowieso. An dieser Musik schätzt Iiro Rajakoski besonders das von Erwartungen Befreite. Es gibt nichts, was in Bezugspunkte von Zeit und Raum eingesponnen wäre; nur die pure Tabula rasa des Gegenwärtigen. Man könnte diesen Mangel an Vorbildern als Last empfinden, die fehlenden Orientierungspunkte als beunruhigend. Für Iiro Rajakoski ist jedoch genau das Gegenteil der Fall: der Umstand, dass es keine Erfahrungen und daher meist auch keine Erwartungen gebe, machten die Aufführung moderner Musik zu einem beinahe magischen Moment, beseelt vom Zauber des Unberührten. Vor allem den Austausch mit zeitgenössischen Komponisten schätze er indes sehr; eine kompositorische Idee zu verstehen und umzusetzen, sei immer wieder etwas ganz Besonderes. Eine Möglichkeit, die freilich nicht oder nicht mehr bei allen Komponisten gegeben ist. Halb amüsiert, halb verträumt gesteht er diesbezüglich: „Mit Schubert würde ich gerne einmal Kaffee trinken gehen.“ All die Mythen und Romantisierungen, die sich um seine Person ranken, böten bestimmt reizenden Gesprächsstoff. Und gewiss wäre es ein schönes Bild: Franz Schubert und Iiro Rajakoski am Kaffeetisch, die dampfenden Tassen in der Hand, über die Unwägbarkeiten der Romantik im Allgemeinen und das Franz Schubert-Sein im Speziellen plauschend. Vielleicht aber ließe sich Schubert auch zu einem Gläschen ins Fellbacher Weinstüble überreden – wer weiß?

Margret Findeisen

Fotos:
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© Florian Wolff