Saison 2017/2018

Mit Mozart im Mittelpunkt

Das Werk Wolfgang Amadé Mozarts, der wohl größten Begabung der westlichen Musik, steht in vier Abokonzerten und in einem SKO-Sternstunden-Konzert im Zentrum dieser letzten von Wolfgang Laubichler für und mit dem Stuttgarter Kammerorchester geplanten Saison. Mozarts Musik wird in vielfältiger Weise in Beziehung gestellt zum Umfeld der Wiener Klassik, aber auch zur Romantik und zur Moderne. So wird Chefdirigent Matthias Foremny im Dreikönigskonzert mit prominenten Gästen – dem Geiger Kolja Blacher, dem Cellisten Clemens Hagen und dem Pianisten Özgür Aydin – neben der Linzer Symphonie auch Beethoven und Wagner musizieren. Peter Ruzicka, einer der stilprägenden Komponisten der Gegenwart und ein famoser Orchesterleiter mit Sinn für Rares dazu, wandert in seinem Gastspiel am 29. Januar von Mozart über Ravel und Schönberg bis zu Eigenem, sekundiert vom Oboisten Albrecht Mayer.

Der Geiger und Dirigent Thomas Zehetmair stellt am 21. März die wundersame Sinfonia concertante zwischen Schubert und Beethoven, beide ohne Mozart nicht denkbar. Ein wahres „Mozart-Fest“wird das Konzert unter der Leitung von Richard Egarr am 24. Juni. Da sind eher selten gespielte Stücke zu erleben, im Originalklang und mit einem Hammerklavier, denn für dieses hat Mozart seine Konzerte komponiert. Unter dem Motto Die Sinnlichkeit des Klangs steht das letzte Abokonzert der Kulturgemeinschaft am 8. Juli, in dem der dirigierende Oboist François Leleux den Bogen spannt von Mozarts väterlichem Freund Joseph Haydn bis zu einem französischen Musiker unserer Zeit, Eric Tanguy. Allein die Aufzählung der Namen der Interpreten beweist, dass für Mozart das Beste gerade gut genug ist. „Er ist das größte musikalische Genie, das je gelebt hat“, meinte Haydn. „Wäre er vor mir in London gewesen, hätte es mir nichts mehr gebracht, dorthin zu gehen, denn nichts kann gegen Mozarts Kompositionen bestehen.“ Robert Schumann schrieb einmal über Mozarts Musik: „Jeder Satz ein Schatz“, und für Claude Debussy war Mozart „die Musik selbst“. Ja sogar Thomas Bernhard, den „Alten Meistern“ oft nicht gewogen, erklärte: „Was wäre alle Musik ohne Mozart?“

Das SKO-Sternstunden-Konzert am 22. Februar unter dem Motto „Jazz meets Klassik“ mit der Geigerin Isabelle van Keulen beleuchtet Mozarts Musik im Spannungsfeld zwischen sogenannter „ernster“ und „unterhaltender“ Musik. Dazu ein Statement von Falco, dem legendären Amadeus-Sänger aus Wien: „Wenn Mozart heute lebte, wäre er Rock‘n‘Roll-Musiker und kein Klassiker. Schon damals war er ein Unterhalter und seinen Zeitgenossen weit voraus.“ Oben angesprochenes Spannungsfeld hat es ja im 18. Jahrhundert gar nicht gegeben – alle Komponisten schreiben auch Popmusik von damals. Und die Grenzen waren verfließend und sollten es wieder werden.

Reisen durch Zeiten und Stile

Spannende Programme gibt es in dieser Saison auch jenseits von Mozart. Gleich zur Eröffnung am 28. September mit Matthias Foremny und der Geigerin Mirjam Tschopp liegt der Fokus auf der „klassischen Moderne“, bei Frank Martin und Béla Bartók, wozu ein barocker Avantgardist wie Heinrich Ignaz Franz Biber sehr gut passt – übrigens ein Vorgänger Mozarts als Konzertmeister der Hofkapelle in Salzburg. Ein weiterer Stargeiger des Barocks, Johann Georg Pisendel, schart gleichsam im Konzert am 22. Oktober seine Freunde um sich – die unter anderem Vivaldi und Telemann heißen. Barocke Brillanz vom Feinsten, präsentiert von Fabio Biondi. Letzterer, als geigender Dirigent bereits ein geliebter Stammgast in Stuttgart, ist auch im SKO-Sternstunden-Konzert am 19. April am Pult und leitet eine erlesene Rarität, eine opernhafte Serenade von Alessandro Scarlatti. Ein besonderes Konzert ist auch jenes am 24. November, wenn Matthias Foremny mit dem für klassischen und modernen Trompetenglanz zuständigen Wolfgang Bauer eine weitere klingende Zeitreise antritt, auf der wir Griegs immer wieder schönen Holberg-Suite und einer in ihrer ernsten Klarheit berührenden Symphonie von Arthur Honegger begegnen.

Die Konzertreihe Neue S@iten ist nun in die SKO-Sternstunden integriert. Wobei sich auch im Abo-Zyklus mit Hosokawa, Ruzicka, Vasks und Tanguy lebende Komponisten finden. So, wie es in der Zeit zwischen der Wiener Klassik und dem Zweiten Weltkrieg war, sollte es ja auch im zeitgenössischen Konzertleben wieder sein. Wir dürfen die großen Meister der Vergangenheit nicht vergessen, wir müssen sie hegen, pflegen und neu beleuchten, aber wir dürfen sie nicht in ein allem Neuen verschlossenes Museum stellen, so schön dieses auch sein mag. Das wäre auch gar nicht im Sinn von Mozart und Co. „Ein Komponist ist, der etwas tut, was noch keiner vor ihm getan hat“, schrieb Giuseppe Verdi. Gerade die Verbindung, der Dialog, die Gegenüberstellung zwischen Alter – eigentlich: zeitloser – Musik und der Klang gewordenen Kreativität unserer Zeit öffnet Augen, Ohren und Gefühle für das Neue, so noch nie Gehörte.

Dass die Musik des 20. Jahrhunderts vielfältiger ist, als es die leidenschaftlichen Apostel der seriellen Technik vermuteten, spricht sich langsam herum. Und nicht nur die ernste Spiritualität eines Peteris Vasks oder die mitreißende „Fusion Music“ eines Leonard Bernstein – siehe das Konzert mit der jungen Geigerin Alexandra Conunova am 13. Juni – gehen ins Repertoire und in die musikwissenschaftliche Tradition ein. Auch die „Unterhaltungsmusik“ erweist sich dann als bleibend, wenn sie ehrlich gemeint und gut geschrieben ist. Gerade dort ist die Melodie noch lange nicht tot, schon gar nicht der Rhythmus und der Zauber der Wiederholung. Dem spürt das erste SKO-Sternstunden-Konzert mit Fola Dada und dem David Gazarov Trio am 8. November im The Great American Songbook nach – das wird ein swingendes Vergnügen!

Im Theaterhaus, dem dafür geeigneten, atmosphärischen Raum, stellt Johannes Kalitzke seine neue Version einer Filmmusik zu Robert Wienes Horror-Klassiker Orlacs Hände vor. Dieses SKO-Sternstunden-Konzert im Frühjahr gilt alten Bildern und neuen Klängen und es wird spannend, wie sich beide ergänzen oder auch kontrastieren. Das Verwischen der Grenzen, landläufig
„Crossover“, bildet einen heimlichen Schwerpunkt dieser Saison, korrespondierend zum größten Meister darin, nämlich Mozart. Hinter dem „Trio Brein, Schmid und Co.“ am 10. Mai verbergen sich Stargeiger Benjamin Schmid und der Ausnahme-Bassist Georg Breinschmid mit Freunden. Wiener Delight wird nicht nur die Freude auf ein „Glaserl Wein“ im Theaterhaus beleben, sondern auch zeigen, wie herrlich schräg es ist, wenn Wien – Krk bleibt, wie Friedrich Gulda quer über alle Ismen hinweg komponiert hat und wie lustvoll man Bartók spielen kann. Auch dies wird eine „Sternstunde“, an denen die SKO-Saison 2017/2018 in beiden Zyklen reich sein wird.

Gottfried Franz Kasparek