Jazz und Klassik

Auszug aus der SKO-Times

Zu den SKO-Sternstunden-Konzerten

Ist der Jazz nicht ohnehin schon Klassik? Was um 1900 in den Südstaaten der USA entstanden ist, hat längst Einzug in die Klassikprogramme der Rundfunkanstalten gehalten und ist kaum auf Popsendern zu hören. Leute, die Jazz lieben, mögen oft auch Klassik und sind weniger häufig anzutreffen als solche, die Rockmusik oder Schlager bevorzugen. Schwierig wird schon die Klärung des Begriffs, der für faszinierende Rhythmik und eine spezielle Harmonik steht, die zweifellos im Wesentlichen afroamerikanische Wurzeln hat, aber auch von vielen Weißen mitgeprägt und vermittelt wurde. Im Great American Songbook finden sich zum Beispiel George Gershwin, Jerome Kern, Irving Berlin und so weiter, also die Elite der Broadway-Meister, deren familiäre Wurzeln oft im Osten Europas und im Judentum lagen, deren Jazzverständnis auf dem Ragtime der Anfänge und dem Swing und Dixieland der 20er-Jahre beruhte, die den Blues nicht außer Acht ließen und sehr gerne Jazzsynkopen mit der westlichen Spätromantik und der klassischen Moderne verknüpften. Und natürlich haben europäische Komponisten von Igor Strawinsky bis zu Boguslav Schaeffer, von Darius Milhaud bis zu Eduard Künneke ihre eigene Fusion Music aus der Liebe zum Jazz geschöpft. Selbst der Begriff Jazz ist schon seit geraumer Zeit umstritten. Der wohl gegen seinen Willen als „Jazzlegende“ bezeichnete Miles Davis zum Beispiel lehnte den Begriff als „ein Wort des weißen Mannes“ ab, sein jüngerer Trompeter-Kollege Nicholas Payton schlug 2011 vor, stattdessen „Black American Music“, Kürzel „BAM“, zu verwenden. Mag das Wort Jazz nun vom französischen „jasm“ (Dynamik, Energie) oder vom afrikanischen Tanz Jasi, was auch „in Erregung versetzen“ bedeutet, oder von einer Mischung aus beiden stammen, es wird sich kaum mehr auslöschen lassen. Übrigens bedeutet Klassik (classe) ursprünglich eine Gruppe reicher Steuerzahler im alten Rom. Mit Worten lässt sich nicht nur trefflich streiten, sie verwandeln sich auch im Lauf der Zeiten und nehmen neue Bedeutungen an. In zwei SKO-Sternstunden-Konzerten geht es jedenfalls, prominent besetzt, um Klassik und Jazz. Da man heutzutage auch von der seit etwa 1900 beiderseits des Atlantiks vom Swing beeinflussten „klassischen Operette“ oder dem „klassischem Broadway-Musical“ sprechen kann und Gershwin zweifellos der bedeutendste „Klassiker der Moderne“ aus den USA ist, ergibt sich die Verbindung im Songbook-Konzert am 8. November mit der Sängerin Fola Dada und dem David Gazarov Trio von selbst. Fola Dada, gebürtige Stuttgarterin, Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers, ist eine klassisch ausgebildete Allround-Musikerin mit Schwerpunkt Jazzgesang und Pop, ist Komponistin und Texterin und Performerin und selber Dozentin an Musikhochschulen – man sieht, wie die Grenzen verschwimmen. Sie ist vielsprachig und redet besonders gerne im Stuttgarter Tonfall. „Ein Grund, warum ich meine Geburtsstadt so gerne mag, ist eben der Dialekt“, so Fola Dada 2012 im Rahmen eines Berichts über sie in der „Stuttgarter Zeitung“. Über ihr Projekt Dada, die Band schreibt sie auf ihrer Website: „Mein Herz, meine Seele, das was ich will und bin. Deutsche Texte angerichtet auf kraftvoller Soulmusik sind nicht mehr selten, aber immer noch ungewohnt. Ist es Jazz? Ist es Pop? Muss es irgendwas sein? Hört zu, fühlt mit, lasst euch verführen, dann wird Dada eine Philosophie, ein Versprechen, die Antwort auf alle Fragen.“ Muss es irgendwas sein – gilt dies nicht für jede qualitätsvolle Musik? Der Jazzpianist David Gazarov, in Baku geborener, nunmehr in München lebender Armenier, Sohn einer Malerin und eines Musikers, wurde noch in der Sowjetunion in der klassischen russischen Klavierschule des Heinrich Neuhaus ausgebildet. Er steht ebenfalls für jene „Weltmusik“ im besten Sinn, in der sich Jazz und Klassik und Folklore in erfrischend unorthodoxer Weise ebenso finden können wie unterschiedlichste Ethnien und Kulturen. Im Westen hat er als Barpianist im Hotel Bayerischer Hof in der Isarstadt begonnen, bevor er die Konzertsäle eroberte. Doch immer noch spielt er in einer eigenen kleinen Reihe im Münchner Traditionshotel. 2015 schrieb die Zeitung Mainpost über ein Konzert in Schweinfurt: „Ist das jetzt Jazz oder Klassik? Egal – was immer David Gazarov spielt, ist großartige Musik.“ Unter seinen CDs gibt es eine Chopin Lounge und Gershwin meets Renaissance. Mit der Blech Sektion der Münchner Symphoniker hat Gazarov Konzerte unter das Motto Bach, Blech und Blues gestellt. Samt einer eigenen Version der e-Moll-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier. „Was Bach da geschrieben hat, war Bebop pur“, schwärmt David Gazarov. Nun also ist, mit seinem famosen Trio und Fola Dada, das Songbook dran, die Bibel der gesungenen nordamerikanischen Unterhaltungsmusik. Gazarov in einem Interview: „Mit dem Jazz ist es wie mit der Klassik. Genauso wie die Klassik bedeutet es für mich ein direktes Gespräch mit Gott.“ Und weiter: „Die Klassik bringt Disziplin, bringt auskristallisierte Harmonien und einen stringenten musikalischen Aufbau. Der Jazz setzt dagegen die Spontaneität, das swingende Gefühl.“ Jazz bedeutet auch Improvisation, lustvolles Musizieren, Freiheit und Ausleben eigener Kreativität und Virtuosität. Der Klassik war dies gar nicht fremd, als sie noch im 18. Jahrhundert war. Wolfgang Amadé Mozart schrieb aus Paris an seinen Vater, wie sehr er sich gefreut habe, als das Publikum gleich nach dem Erklingen des Themas applaudierte – also mitten in den Fluss der Musik hinein, wie heute im Jazz üblich! In seinen für sich selbst komponierten Instrumentalkonzerten pflegte Mozart ständig zu improvisieren, nicht nur in den ja eigentlich dazu bestimmten Solo-Kadenzen, sondern auch gemeinsam mit den Orchestermusikern. Über die Klavierkonzerte der Wiener Zeit gibt es darüber etliche entsprechende Berichte, nicht so über die 1775 hauptsächlich in Salzburg entstandenen Violinkonzerte. Doch wir können annehmen, dass der fürsterzbischöfliche Konzertmeister Mozart, der auch ein formidabler Geiger war, bevor er dem Klavier den Vorzug gab, schon damals ganz im Stil seiner Zeit agierte und nicht nur als gestrenger Sachwalter seiner Niederschrift. Und diese Freiheit auch dem Kollegen Antonio Brunetti gewährte, mit dem er sich am ersten Pult abwechselte. Joseph Haydn war zur selben Zeit in Eisenstadt und Eszterhaza wohl eher ein Meister der strengeren Zucht, was nicht nur, doch vor allem seine eigenen Partituren betraf. Außerdem war es selbst kein großer Instrumentalist. Und doch – gerade ein so populäres Stück wie die Abschiedssymphonie zeigt uns auch improvisatorische Züge. Der Abgang der Musiker – es waren damals nur Männer – im Finale, die einer nach dem andern nach einem kleinen Solo in den Urlaub oder wohin auch immer verschwinden, wirkt an sich schon als komponierte Improvisation. Ob die hochkarätigen Solisten, die Haydn in seinem Orchester versammelt hatte, ihre Abgänge auch zu allerlei speziellen Einlagen verwendeten beziehungsweise verwenden durften, wissen wir nicht. Dass der Grundcharakter dieser Musik ernst, ja am Rande des Tragischen angesiedelt ist, spricht dagegen. Dass Haydn ein Mann mit schrägem Humor war, der gern mit der Tragik spielte, spricht dafür. Wir sind also schon mitten im Konzert des SKO unter Chefdirigent Matthias Foremny am 22. Februar mit der Stargeigerin Isabelle van Keulen. Auf den klassischen Teil folgt „Crossover“, besser Grenzüberschreitung, noch besser grenzenlose Musik. Erinnern wir uns an Fola Dada: Muss es denn irgendwas sein? Es mag nun verwundern, dass zunächst Musik von Franz Liszt kommt. Doch der österreichisch-ungarisch geborene und französisch- deutsch gebildete Weltbürger war eben nicht nur Salonlöwe, Tastentiger, größter Pianist aller Zeiten, Haupt der neudeutschen Avantgarde und Wagner-Freund sowie ein Visionär der musikalischen Moderne bis über die Grenzen der Tonalität hinweg, sondern auch geradezu das Paradebeispiel eines Musikers, der frei nach Papa Mozart „das Populare“ nicht im Geringsten scheut. Die Ungarischen Rhapsodien zeugen von Liszts großer Liebe zu seiner engeren Heimat, deren musikalische Sprache der Sohn deutscher Eltern besser beherrschte als die gesprochene. Und dies ist im 19. Jahrhundert noch nicht die archaische Bauernmusik Bartóks, dies ist die „Zigeunermusik“, gleichsam „Ur-Crossover“, geboren aus dem grandiosen Musikantentum ungarischer Sinti und Roma und magyarischer Folklore, gut abgemischt mit klassischer Harmonik und dem Tanzzauber der Wiener Musik. In Frankreich geboren ist der Pianist Jacques Loussier, der in den 60er-Jahren mit seinem Trio und dem Welterfolg von Play Bach zum Star der Crossover-Bewegung wurde und als einer der Väter des „Verjazzens“ klassischer Musik gilt. Dieses „Verjazzen“ hat auch Gegnerschaft hervorgerufen. Doch war nicht Bach in der Tat in seiner Rhythmik der erste Jazzer? Neben dem vielen anderen, das er noch war? Pulsieren in Mozarts Kleiner Nachtmusik oder in der so genannten großen g-Moll Symphonie nicht schon ohnehin der Swing – und ein wenig sogar der Blues? Sind dies nicht immer schon vorhanden gewesene Urgefühle, nicht nur in afrikanischem Trommeln, auch in Renaissance Tänzen sich manifestierend? Hätten die Meister von der Renaissance bis zur Wiener Klassik, die selbst bedenkenlos Werke toter oder lebender Kollegen umformten, travestierten, uminstrumentierten, daran etwas auszusetzen gehabt? Sicher nicht. Was zählt, ist einzig und allein die Qualität eines Arrangements. Es sollte nicht das Original verflachen. Was oft eine Gratwanderung oder eine subjektive Empfindung ist. Jacques Loussier ist ein begnadeter Gratwanderer. Kein Geringerer als Glenn Gould sagte über ihn: „Play Bach is a good way to play Bach.“ Doch hat Loussier nicht bloß Klassik verjazzt und mit leichter, aber sicherer Hand den Soundtrack zu Dutzenden Filmen und Fernsehserien geschrieben, sondern auch eigene konzertante Stücke wie das diesmal erklingende Konzert für Violine, Schlagzeug und Streichorchester. Ein farbenreiches Stück, souverän gemixt aus „playful Classics“ und Jazz-Drive. Die niederländische Geigerin Isabelle van Keulen wird in diesem Konzert Mozart und Loussier spielen. Die Schülerin der unvergesslichen Sándor Végh zählt zu den großen Meisterinnen der Violine in unserer Zeit. Mozart war, schon durch die Ausbildung am Salzburger Mozarteum, von Beginn an ein Zentralgestirn ihres Repertoires. Ihr Interesse an populärer Musik lebt sie derzeit vor allem als Mitglied eines von ihr mitbegründeten Tango-Quartetts aus. Da steht natürlich Astor Piazzolla im Mittelpunkt, jener im Grunde klassische Komponist, der seinen Tango nuevo mit Jazz meisterhaft verbinden konnte. Isabelle van Keulen spielt auch gerne neue Musik, die heutzutage nicht mehr nur in der begrenzten Schublade des Serialismus steckt, sondern auch Stücke eines Jacques Loussier beinhaltet. „Wir sind als Allround-Musiker verpflichtet, uns mit der ganzen Musiktradition und mit den verschiedenen Stilen auseinander zu setzen“, so Isabelle van Keulen in einem Interview mit classicpoint in der Schweiz. „Das heißt, dass man zum Beispiel Mozart aus der Tradition von Haydn und Bach sehen muss. Daraus haben sich dann wieder Beethovens Ideen, Schubert und so weiter entwickelt bis in die heutige Zeit. Wir leben jetzt, und ich fühle mich persönlich berufen um in gleichem Maße zeitgenössische wie in der Vergangenheit komponierte Werke zu spielen. Natürlich gibt es manchmal moderne Werke, die vielleicht nicht ewig überleben werden, die aber dennoch interessant sind, da sie einen Zeitgeist repräsentieren.“ Es wird spannend bleiben mit „Jazz und Klassik“. Dazu der österreichische Jazzer Franz Koglmann: „Es gibt heute kaum noch Musiker mit einer persönlichen Klangfärbung, einem eigenen Sound. Wie bei Ellington. Wir leben heute im Zeitalter der Akademisierung des Jazz, wo alle mehr oder weniger gleich klingen. Meine persönliche Meinung ist, dass die Entwicklung des Jazz mehr oder weniger abgeschlossen ist. Das heißt nicht, dass es in der Zukunft keinen Jazz mehr geben wird. Er wird partikelweise weiter existieren, kombiniert mit Elementen der klassisch-europäischen Musik, eventuell auch mit Elementen verschiedenster Folkloren. Die Jazz-Geschichte ist so abgeschlossen wie die Geschichte der abendländischen Musik von der Frühtonalität bis zur Atonalität. Diese hat der Jazz sehr schnell nachvollzogen. Jetzt sind sie beide auf dem gleichen Stand. Und wo geht‘s jetzt hin?“

Gottfried Franz Kasparek

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