Einführung: Michael Pelzel

„…in einen unwiderstehlich strömenden Klangsog steigern“ möchte sich der Schweizer Komponist Michael Pelzelzumindest springt diese Feststellung gleich beim Öffnen seiner Website ins Auge. Pelzel, gebürtig aus Rapperswil, studierte unter anderem bei Georg Friedrich Haas und Wolfgang Rihm Komposition und besuchte Meisterklassen bei Beat Furrer und György Kurtàg. Er lebt als freier Komponist und Organist der reformierten Kirchengemeinde in Stäfa am Zürichsee, unterrichtet mitunter Musiktheorie, auch in Südafrika. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 2011 den Busoni-Kompositionspreis. Seine Stücke werden zwischen Zürich, Paris und Johannesburg gespielt, von namhaften Ensembles und Orchestern. „Differenzierte formaldramaturgische Beziehungen erzeugen, die ein komplexes Oszillieren zwischen Hörerwartung und bereits Gehörtem provozieren“ ist Pelzel ein Anliegen – und das Publikum soll in „einen traumhaften Sog von Farben und Klangströmen“ entführt werden.

Das Stück Mysterious Anjuna Bell, ein Auftragswerk des SKO, ist „für Ensemble und Kammerorchester“ geschrieben. Das Ensemble besteht aus einer reichen Palette von Schlag-, eigentlich
Glockeninstrumenten wie Triangel, Glockenspiel oder Crotales, dazu kommen Trompete, Posaune, Klavier, ein Solocello und Gitarre. „Ich brauchte eine Zeit lang“, so Pelzel, „um den inneren Klang für diese Mischung aus der Welt der Glocken und einem traditionellen Streichorchester zu finden.“ Der Komponist war als Stipendiat im indischen Goa, wo ihn besonders das Dorf Anjuna, der letzte Zufluchtsort der Hippies, beeindruckte. Dort herrscht immer noch der Geist der 60er-Jahre, der gleichzeitig schon Geschichte ist. Das Stück bezieht sich aber nicht auf bestimmte Glocken, sondern schildert eine Phantasiewelt. „Ich bin in Burma und Thailand gewesen“ erzählt Pelzel, „wo ich die Feierlichkeit und Ausdruckskraft der dortigen Glocken lieben gelernt habe. Die übrigens nicht nur kultisch, sondern auch ganz alltäglich eingesetzt werden, als Klingel oder einfach zur Freude.“ So wurde das Stück „eine Art Konzert für verschiedene Glockenmischungen und Orchester.“ Die Glocken werden aber nicht konzertierend eingesetzt, sondern mit den Streichern verschmelzend. In den akkordischen Passagen arbeitet Pelzel mit Spektralakkorden. Schemenhaft taucht zudem die klassische Form auf – beginnt das Werk doch mit einem ausgedehnten Adagio misterioso, dem pausenlos ein Andante und am Ende ein Presto volubile (gesprächiges Presto) folgen.

Gottfried Franz Kasparek