Fabio Biondi und musikalische Delikatessen

Fabio Biondi, der leidenschaftliche Originalklang-Geiger und Dirigent, ein italienischer Erzmusikant dazu, hat seinenWeltruhm in der Hauptsache spannenden Vivaldi-Interpretationen zu verdanken. Doch gelingen ihm immer wieder wahre Schatzfunde im weiten Feld der barocken und frühklassischen Musik. Was zum Beispiel hörte Mozart in der Metropole der Lombardei? Wolfgang Amadé hat mit Vater Leopold von Dezember 1769 bis März 1771 sowie 1772/73 insgesamt drei Italienreisen unternommen, bei denen immer auch Milano auf dem Programm stand. In seinen Mailänder Briefen an Mutter und Schwester ist neben allerlei Späßen des „nemlichen Hanswursts“ zwar fast nur von der Oper die Rede, doch lernte er zweifellos auch die italienische Instrumentalmusik ausführlich kennen. Der 14-Jährige war gerade dabei, dem Wunderkindalter zu entwachsen. Bei aller Lust an saftiger Komik und verspielten Witzen war er ein zielstrebiger,
hart arbeitender Künstler, brennend interessiert an allen kreativen Schöpfungen seiner Zeit. Und er hatte Erfolg, nicht nur mit seinen Seria-Opern für die Karnevalssaison, sondern auch mit Symphonien, denen man die intensive Beschäftigung mit dem sinnesfrohen Belcanto des Südens deutlich anmerkt.

Zwischen drei dieser jugendfrischen Symphonien werden in Biondis Konzert am 17. November Stücke von Komponisten zu hören sein, die damals das Repertoire in Mailand dominierten. Der lokale Altmeister Giovanni Battista Sammartini war Glucks Lehrer gewesen und eine europäische Berühmtheit, obwohl ihn Joseph Haydn als „Schmierer“ verunglimpft hatte. Dagegen steht Leopold Mozarts Wertschätzung, der Sammartini nicht nur als „wahren Freund“, sondern auch als Tonschöpfer würdigte. Der alte Herr versuchte sogar, dem jungen Mozart eine Stelle in Mailand zu verschaffen und bot ihm ein Podium für Auftritte, wobei, so der Vater, „der Wolfgang in gegenwart des Maestro Sammartino und einer menge der geschicktesten Leut (…) Proben seiner Wissenschaft abgelegt, und alle in Erstaunen gesetzt“. Sammartini gilt als einer der Pioniere, was die Loslösung der „Sinfonia“ von der Oper betrifft. Ob die Mozarts im Hause des gastfreundlichen Maestro auch dessen Schüler Carlo Monza begegnet sind, wissen wir nicht, möglich wäre es. Monzas naturmalerische Meeressturm-Symphonie ist jedenfalls ebenso inspirierte Musik voll italienischer Leichtigkeit wie die virtuosen Violinkonzerte Angelo Maria Scaccias und die Sinfonien des Antonio Brioschi, zwei Mailänder Meistern und Jugendgefährten Sammartinis, die zur Zeit von Mozarts Besuchen schon im Komponistenhimmel weilten.

Die Mozarts besuchten auch Neapel, das damals als Sitz der „neapolitanischen Schule“ eines der musikalischen Zentren Europas war. Die Musik des 1761 verstorbenen Francesco
Feo wird Wolfgang Amadé wohl kaum gekannt haben – zu sehr war die Musikproduktion der Zeit auf die jeweils aktuelle Musik ausgerichtet. Doch die gesangliche Schönheit und instrumentale Opulenz der Opern und Oratorien der Neapolitaner Komponisten nahm er sich zu Herzen und verwandelte sie in großes Welttheater. Der etwa 200 Jahre nach Feos Tod in Palermo geborene Fabio Biondi hat ein Faible für die klassische Musik und die künstlerischen Verdienste des ehemaligen „Königreichs beider Sizilien“, dessen Hauptstadt Neapel gewesen ist. Schatzgräber Biondi setzt sich für Feos fein ziselierte und ehrlich empfundene Musik ein und wird dessen Oratorium „San Francesco di Sales“ am 28. April 2017 in der altehrwürdigen Stuttgarter Stiftskirche präsentieren. Diese, das Stadtbild prägende Kirche ist seit dem letzten Musikalische Delikatessen aus dem Süden Umbau ein lichter und klarer Raum geworden, in dem gotische und barocke Bildwerke mit atmosphärisch aufhellender Moderne ergreifend kommunizieren. Feos Stück kann zum Mittelpunkt dieses Dialogs der Jahrhunderte werden. Mehr zu Komponist und Werk in der nächsten Ausgabe der SKO Times!

Gottfried Franz Kasparek