Fokus Brett Dean: ein Tondichter der Gegenwart

Brett Dean, geboren 1961 in Brisbane / Australien, studierte in seiner Heimatstadt und war zunächst Bratscher. Als solcher tourte er mit dem aus Verehrung für die „Deutsche Musik“ so genannten „Preußen-Quartett“ durch Europa und setzte schließlich seine Studien in Berlin fort, wo er eine neue künstlerische Heimat fand. Denn von 1985 bis 1999 war er Mitglied der Berliner Philharmoniker und bald auch des berühmten Scharoun Ensembles. Seine Karriere als Komponist begann eher zufällig mit einem Arrangement der Fledermaus-Ouvertüre für acht Kollegen. Schon Ende der 80er-Jahre begann er Eigenes zu schreiben, zunächst im elektronischen Bereich. Bald entwickelte er einen persönlichen Stil, für den dynamisch gestaltete  Klangflächen typisch sind, die aus einem Gewebe vieler unterschiedlich rhythmisierter Einzelstimmen entstehen. Deans Instrumentarium ist meist traditionell, geräuschhafte Spieltechniken sind allerdings ebenso häufig wie phantasievoll besetztes Schlagwerk. Nahezu alle Stücke sind moderne Programm-Musik und beziehen Anregungen aus der Natur, der Bildenden Kunst, der Literatur und aus kritisch betrachtetem Zeitgeschehen. „Mein eigener Platz“, so der Komponist, „ist irgendwo zwischen dem etwas dunklen  und schwermütigen Avantgarde-Stil in Westeuropa und dem sonnigen, offenen, vielleicht auch unkomplizierten Stil der australischen Musik.“ Etliche seiner Werke sind von Gemälden seiner Lebensgefährtin Heather Betts inspiriert. Heute ist Dean der international bekannteste und meist gespielte Komponist des fünften Kontinents. Eine aktuelle Aufführungsliste zeigt, dass seine Musik zum Beispiel auch in Paris, Göteborg, München oder Wien gespielt wird und geneigte Ohren findet. Denn Dean hat die Gabe, artifizielle Schreibweise und avantgardistische Techniken mit oft poetischer Klanglichkeit, transparenter Atmosphäre und neu betrachteten, doch unüberhörbaren Parametern wie melodischer Substanz und feinster Rhythmik zu verbinden.

Dean, der seit 2000 seinen Wohnsitz wieder in Australien hat und dort als Komponist, Interpret und Kompositionslehrer zu den wesentlichen Persönlichkeiten des Musiklebens zählt, schöpft aus den Vollen. Sein reichhaltiges Oeuvre reicht vom Solostück bis zum Musiktheater. Seine erste Oper, Bliss  (2010), geht mittlerweile um die Welt. Für das Festival in Glyndebourne entsteht derzeit ein ehrgeiziges Shakespeare-Projekt: Hamlet. Deans Erfolg spielt sich auf mehreren Kontinenten ab, die er selbst nicht nur als Komponist, sondern nach wie vor auch als Solist, Dirigent und Kammermusiker bereist. In allen diesen Bereichen, vor allem aber als Tondichter, ist er „eine Stimme von reicher Erfindungskraft, Originalität, Ausdrucksstärke und Subtilität“, so die US-Zeitung „Chicago Tribune“. Die Bezeichnung Tondichter mag altmodisch wirken, aber Brett Dean dichtet wahrhaftig in Tönen und Klängen. Seine Partituren verfügen mit großer Souveränität über die Kunst des Absoluten und bieten genügend Stoff für Analysen, was die meisterliche Beherrschung des Kontrapunkts oder ausgefeilter Instrumentation betrifft. Jedoch sind sie nicht denkbar ohne „Einspruch und Eingedenken“, so der Titel eines Essays von Stefan Drees.

Ist Deans Schaffen „ein Versuch, musikalische Kunstwerke als zentrale Form kulturellen Erinnerns, nämlich als Gefäß von Einspruch und Eingedenken zu gestalten“, wie Stefan Drees es formuliert? „Im besten Fall wird sie dadurch wiederum zum festen Bestandteil jenes Reservoirs an Anregungen, aus dem sich zukünftige Kunst speisen wird.“ Darin liegt Wahrheit, denn Musik ist seit eh und je dann am größten und beständigsten, wenn sie den Spagat zwischen Weiterführung von Traditionen und kühner Innovation ebenso schafft wie den zwischen Emotion und Intellekt. In Deans Stücken finden sich immer wieder Verweise, Zitate, Hommagen an die Vergangenheit, besser gesagt an die Zeitlosigkeit der Kunst eines Gesualdo da Venosa im Streicherstück Carlo  oder an Clara Schumann in Recollections für Ensemble. In einem Orchesterwerk wie der Pastoral Symphony darf man an den ersten „politischen Komponisten“,  Ludwig van Beethoven, denken. Doch Deans Vogelstimmen stammen aus den Savannen Australiens, sind durch die Schule Messiaens gegangen und protestieren lauthals  und dennoch lyrisch gegen die Clusterbildungen der Umweltzerstörung. Das Streichquartett Eclipse wiederum ist ein Trauergesang für die ertrunkenen Flüchtlinge im Indischen  Ozean. Der Komponist befindet sich, und da stimmt die allzu oft geprägte Sentenz, in der Tat am Puls der Zeit, auch dann, wenn er zurückblickt. Und bei allem „Eingedenken“ entsteht in dieser vielfarbig schillernden Musik jene schwer festzumachende Originalität, die es erlaubt, ein Stück von Dean nach einiger Hörerfahrung als solches zu erkennen.

Die letzten beiden Saisons war Brett Dean „Artist in Association“ beim BBC Symphony Orchestra in London. Die kommende Saison des SKO bietet einen exquisiten Einblick in sein Werk. Carlo für 15 Solostreicher, Sampler und Tonband (1997) ist mit seiner Mischung aus expressivem Madrigalstil und modernen Medien typisch für Deans  Verfahren. Die Short Stories  (2005) für eine reine Streicherbesetzung verknüpfen die Liebe zu Kurzgeschichten mit der Aufgabe, Intermezzi zu Vivaldis Flötenkonzerten zu schreiben, wobei die „Stories“ großteils der Phantasie des Publikums überlassen bleiben: „Mögen diese fünf Zwischenspiele eigene Bilder oder Geschichten beim Hören heraufbeschwören“, so der Komponist. Music of Memory wird in Stuttgart uraufgeführt – im zweiten Satz wird ein gewisser György einen „Girl Photographer“ treffen. Ligeti oder Kurtág, das wird sich herausstellen. Das Erinnern ist wesentlich für Deans diffizile Musiksprache. Die Electric Preludes (2011/12) für E-Geige und Streicher sind für den Landsmann Richard Tognetti geschrieben und beinhalten „sechs flüchtige, skizzenhafte Sätze, die die Vergänglichkeit einfangen.“ Peter McCallum im „Sidney Morning Herald“ weiter dazu: „Klangliche Fragilität sowie Leuchtkraft in Atmosphären, die von zerstörend bis albtraumhaft und von vertraut bis kosmisch reichen.“ Und dann gibt es noch ein Etüdenfest für Klavier und Streichorchester(2000), in dem es mit Witz und Virtuosität tatsächlich um jene Etüden geht, die Studierende der Violine üben müssen: „Mein Stück mag in diesem Sinne als kleines Denkmal für die zahllosen Stunden mit Ševcik & Co. dienen, die alle Musiker, die dieses Stück aufführen, hinter sich haben.“ Auch diese Verbundenheit zur Praxis ist typisch für einen Komponisten, der nicht in elfenbeinernen Türmen nistet, sondern mitten im Leben steht.

Gottfried Franz Kasparek

 

Termine:
2. Abonnementkonzert: Divertimento
25. Oktober 2016, 20 Uhr, Liederhalle Stuttgart, Hegel-Saal

4. Abonnementkonzert: Streicherglück
13. Dezember 2016, 20 Uhr, Liederhalle Stuttgart, Mozart-Saal

5. Abonnementkonzert: Elektrisierende Klänge
7. Februar 2017, 20 Uhr, Theaterhaus Stuttgart, T1

7. Abonnementkonzert: Olympische Klangspiele
9. März 2017, 20 Uhr, Theaterhaus Stuttgart, T1


Karten: Kulturgemeinschaft Stuttgart
Tel. 0711 / 22477-20, www.kulturgemeinschaft.de