Im Gespräch mit Bogdan Božović

Bogdan Božović wird sich in dieser Saison das Konzertmeister-Pult mit Susanne von Gutzeit teilen– bei einer Begegnung spricht er über Musik zwischen Gestern und Heute, seine Heimat Serbien und die geheimnisvolle Arma Senkrah.

Wir sind in einem Straßencafé im Stuttgarter Westen verabredet, nur einen Steinwurf von seiner neuen Arbeitsstelle entfernt. Bogdan Božović bestellt in beinahe akzentfreiem Schwäbisch etwas zu trinken: ein Seezüngle, Geschmacksrichtung Träuble. Und auf die Frage, worauf er sich in Stuttgart am meisten freue, antwortet er vorbildlich: „die Maultäschle“. Für seinen Dienstantritt im Herbst scheint er also perfekt vorbereitet. Nach Stationen in Salzburg und Basel ist er jetzt in Stuttgart angekommen. Angefangen aber hat alles über tausend Kilometer südöstlich, in Belgrad. Seine Erzählungen aus der serbischen Hauptstadt mit ihrem k. und k.-Charme sind schwärmerisch-schwelgend und schwermütig zugleich. Er erzählt von der lebendigen Kunstszene, der Stelle, an der die Save nach über neunhundert Kilometern in die Donau mündet, vom Überfluss an Essen und den Leuten, die von heute auf morgen leben und scheinbar niemals schlafen gehen. Er erzählt von dem kleinen Gartenhäuschen, das neben dem Schulhaus in Belgrad stand und in dem die Jüngsten ihren ersten Geigenunterricht erhielten. Er weiß noch genau, wie es dort gerochen hat. All das beschreibt er so wach und lebendig, dass man sich nur schwer von diesen Bildern lösen und ins Hier und Jetzt zurückkehren kann.

Beim Sprechen scheint es, als sei er penibel darauf bedacht, den Dingen und ihrer Bedeutung gerecht zu werden. Und während er seine Limonadenflasche in der Hand hält und den Porzellankopf des Bügelverschlusses zwischen den Fingern hin und her dreht, scheint er unbeirrbar auf der Suche nach dem richtigen Ausdruck, der passenden Formulierung – etwas, das seiner Wahrheit am nächsten kommen könnte. Halb fragend, halb verlegen, erkundigt er sich nach der korrekten Perfektbildung von diesem oder jenem Verb – Kann man das so sagen? – man möge ihn im Falle des Falles berichtigen. Überflüssig zu erwähnen, dass die Gelegenheit dazu ausbleibt. Indes verrät er, dass seine Leidenschaft gar nicht immer exklusiv der Violine gehörte. Da er lange Zeit Ballett getanzt hat, schien auch eine Tänzerkarriere zeitweise eine Option zu sein. Und auch Tierarzt war einmal im Rennen um den Traumberuf, wie er schmunzelnd preisgibt. Das Fragile, über einige Zwischenstationen erreicht es Bogdan Božović, der in dem über Jahrhunderte gewachsenen Charakter des Instruments ein anspruchsvolles Gegenüber gefunden hat. Überschwemmt, nein: überwältigt, nein: überfordert, sei er anfangs von ihr gewesen. Überfordert von ihren Möglichkeiten – aber auch von ihrem bisweilen eigensinnigen Gemüt. „Sie sagt sehr deutlich, wenn sie etwas nicht mag“, lacht er und scheint ihr dies mühelos vergeben zu können.

Dass seine Faszination aber nicht nur den längst vergangenen Zeiten gilt, der Tradition und dem Gestrigen, macht insbesondere seine Arbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Heinz Holliger und Georg Friedrich Haas deutlich. Dabei liebe er besonders die Dynamik des Augenblicks, das Gefühl, live dabei zu sein, wenn etwas Neues entsteht. Die Komponisten zeigen sich meist offen für Gestaltungsideen, das Diktum des Unabgeschlossenen steht ebenso fordernd wie motivierend im Raum. „Die Partitur ist nicht Gott“, sagt er über diese besondere Arbeit, bei der es kein Ist gibt, sondern alles werden muss.

Und während er über Neue Musik spricht, legt er gleichsam deren vielleicht größtes Paradoxon frei: Während jahrhundertealte „Dauerbrenner“ wie Bach oder Mozart stets Garant für einen gut gefüllten Konzertsaal sind, tut sich Neue Musik, zumindest auf Seite der Rezipienten, bisweilen schwer. Dass also genau jene Musik, die aus unserer Zeit für unsere Zeit hervorgeht, viel fremder erscheint, als die klassischen Repertoirestücke, bei denen der Musiker immer auch eine Art „Übersetzer der Vergangenheit“ sei, offenbare einen ebenso interessanten wie akuten Widerspruch des gegenwärtigen Musikgeschehens. Dabei könne gerade das Pulsierende der Gegenwart helfen, das bisweilen steife und verstaubte Image klassischer Musik zu erneuern. Für die vielen Geheimcodes und Finessen, die den Konzertbesuch bisweilen überlagern – von der „richtigen“ Kleidung über den Beifall zum „richtigen“ Zeitpunkt hin zum präventiven Husten zwischen den Sätzen – hat Bogdan Božović einen Ausdruck, den er, vielleicht ja als Hommage an seine Studienzeit am Salzburger Mozarteum, in seinen Sprachgebrauch aufgenommen hat: A solcher Schmarrn!

Und weil er mit dem Stuttgarter Kammerorchester einen Klangkörper gefunden hat, der offen für das Progressive ist und einen Schwerpunkt auf Neue Musik setzt, freut er sich gleich doppelt auf seine Konzertmeisterstelle, die er sich mit Susanne von Gutzeit teilen wird. Während er versucht, das Besondere an diesem ‚Mikrokosmos Kammerorchester‘ zu beschreiben, fällt das Wort Vertrauen – Vertrauen zwischen den Kollegen und in den Klang jedes einzelnen, der das Orchester prägt. Die größte Herausforderung dabei? „Man muss schon saugut zuhorchen!“

Als die Limonadenflasche fast leer ist, steht völlig außer Frage, dass aus Bogdan Božović auch ein hervorragender Balletttänzer oder ein einfühlsamer Tierarzt geworden wäre. Das Stuttgarter Publikum aber darf sich indes – ganz und gar eigennützig – freuen, dass sich am Ende die Geige durchgesetzt hat.

Margret Findeisen