Im Gespräch mit Nikolaus von Bülow

In diesem Jahr feiert Nikolaus von Bülow sein zehn-jähriges Dienstjubiläum als 2. Solocellist beim Stuttgarter Kammerorchester. Im Gespräch erfahren wir, warum er trotz seines jungen Alters schon ein „alter Hase“ ist und warum Musikmachen unendlich ist.

Man könnte dem einstigen Musikschulleiter von Horb am Neckar durchaus ein gewisses Maß an Weitsicht unterstellen. Denn wie schon seine beiden älteren Brüder war der kleine Nikolaus von Bülow mit seinen vier Jahren anfangs zum Geigenunterricht angemeldet. Der Pädagoge gab damals allerdings zu Bedenken: „Ihr habt doch schon zwei Geiger – was wollt Ihr denn mit noch einem?“. Und sein Einwand stieß auf offene Ohren: Nikolaus von Bülow fand stattdessen zum Cello; und sicherlich auch ein bisschen umgekehrt.

Die von Bülow-Brüder musizierten früh gemeinsam und die Familienformation nahm etliche Male erfolgreich an Wettbewerben teil. Das Bülow-Quartett gibt es bis heute. Allerdings sind nur drei der Musiker auch wirklich von Bülows – einer der vier Brüder entschied sich später für den Beruf des Piloten. „Als Kind fand ich es immer gut, dass alle stehen mussten und ich sitzen durfte“, erinnert sich Nikolaus von Bülow an seine Kindertage zurück. Mit zwölf Jahren dann wird er Jungstudent bei Gerhard Hamann an der Musikhochschule Trossingen. Dass Musik einmal sein Beruf werden würde, schlich sich irgendwann selbstverständlich ein. Heute fast kurios erscheint daher seine Erzählung von der Berufsorientierungswoche in der zehnten Klasse, die von Bülow im Autohaus eines Nachbarn absolvierte. Und zugegeben: sich Nikolaus von Bülow mit seiner wohl dosierten, fast rational gezähmten Euphorie für die Musik und das Cello als Automechaniker vorzustellen, würde einem doch einige Mühen abverlangen. Denn obwohl sein Tonfall von einer unbeirrbar präzisen Sachlichkeit bestimmt ist, lässt doch sein Wortreichtum erahnen, wie wichtig ihm seine Sache sein muss.

Das Studium führte Nikolaus von Bülow sodann nach Berlin, Lübeck und schließlich in die USA. Seine Berichte über die Studienzeit in Amerika nehmen einen prominenten Platz in seinen Erzählungen ein; so anders das Land, so prägend die Erfahrungen. Beinahe ehrfurchtsvoll spricht er über seinen einstigen Lehrer Lynn Harrell – nicht nur als großen Musiker, sondern auch als herausragenden Pädagogen. „Ihm ist einfach nichts fremd. Er kennt alle Sorgen. Und alle Tricks.“ Auch gehöre Lynn Harrell nicht zu denjenigen Lehrern, die von der permanenten Angst heimgesucht werden, ein Schüler könnte einst besser werden als er selbst. Aber, so will er ergänzt wissen: „Es ist ja auch nicht so leicht, besser zu sein als Lynn Harrell.“

Scharfsinnig skizziert er dann die Paradoxie, mit der sich das Üben im Stillen und das Konzertieren vor Publikum entgegenstehen und die er vor allem gegen Ende des Studiums erlebt hat. Denn längst nicht alles, was man für sich übe und an Ideen überlege, komme auf der großen Bühne dann auch an und funktioniere wie beabsichtigt. Die Herausforderung, mit der der Studienabsolvent schließlich auf die Bühne „entlassen“ wird illustriert er anhand eines Vergleichs. Er nennt ihn „etwas platt“, aber vielleicht vermag er deutlich zu machen, was gemeint ist: Es sei wie beim Autofahren, wo es am Anfang den Fahrlehrer gebe, der mitbremsen und zur Not ins Lenkrad greifen könne. Am Ende bestimmt jedoch das selbständige Losfahren ohne fremde Hilfe das In-der-Musik-Sein. Nicht die Übungsstunde und schon gar nicht der Lehrer. Und das immer wieder aufs Neue.

Besonders der Gedanke an das stetig unstete Wesen der Musik scheint Nikolaus von Bülow zu faszinieren und ihm größter Ansporn zu sein. Es geht um nicht weniger als die Tatsache, dass ein Musikstück eben nie „zu Ende interpretiert“ werden kann. Immer wieder neue Impulse von Außen kumulieren sich in einer bestimmten Interpretation, die diese eine ist. Aber eben nur für einen bestimmten Moment. „Es hört ja nie auf“, sagt er dann und man kann die Neugierde heraushören, auf alles, was noch kommen mag.  Wie zur Ergänzung schiebt er hinterher, wie er kürzlich die Noten zu Haydns Cellokonzert C-Dur zur Hand genommen habe. Mit ungefähr zwölf Jahren habe er es zum ersten Mal gespielt. Aus dieser Zeit stammten auch noch die von kindlicher Handschrift geführten Bleistifteintragungen seiner Fingersätze. Von Bülow hat sie heraus radiert. Und neue, aktuelle eingetragen.

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass zehn Dienstjahre als 2. Solocellist beim Stuttgarter Kammerorchester Anlass zur Zwischenbilanz geben. Und so blickt er zurück auf die Anfangszeit, als er 2007 nach erfolgreichem Probespiel beim Stuttgarter Kammerorchester seinen Dienst antrat und als junger Musiker den Generationswechsel einläutete. Und obwohl zehn Jahren in Kammerorchester-Dimensionen gerechnet gar keine endlos lange Zeit sind, gehört er mittlerweile selbst zu den Alteingesessenen. Und wie sehen die nächsten zehn Jahre aus? „Es gibt noch viel zu tun,“ sagt er und spricht über renommierte Konzertsäle, brillante Solisten und ein frenetisches Publikum. Sie alle warten schon auf ihn und das Stuttgarter Kammerorchester. Und er hat ja recht: es hört eben nie auf.

Margret Findeisen

 

Bilder:
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