Interview mit Dennis Russell Davies

Zum Konzert „American Romances“ führte Anne Sophie Meine folgendes Interview mit Dennis Russell Davies.

Herr Davies, Sie sind Ehrendirigent des Stuttgarter Kammerorchesters und haben es als Chefdirigent von 1998 bis 2006 künstlerisch entscheidend mitgeprägt. Was ist das Charakteristische dieses Ensembles im Vergleich zu anderen Orchestern?

Dieses Orchester ist ein großartiges Ensemble. Ich freue mich sehr, es nach langer Zeit wieder zu treffen und bin gespannt auf unsere nächste Begegnung. Unsere erste intensive Zusammenarbeit war 1992 beim Festival der Bach-Akademie zum Mozart-Jahr. Als Chefdirigent habe ich mit dem Stuttgarter Kammerorchester mehrere Auftragswerke verschiedener Komponisten uraufgeführt. Das Charakteristische dieser Musiker war dabei immer die Spielfreude, mit der sie alte Repertoirestücke aus Barock und Klassik aufführten, die niemand besser spielte als sie, und gleichzeitig die Fähigkeit, wirklich schwere und interessante neue Werke mit Elan zur Uraufführung zu bringen. In unsere Programme, z.B. die Haydn-Reihe, haben wir immer auch Neue Musik, Musik aus unserer Zeit und Werke von Gastkomponisten integriert. Es ist diese Bandbreite des Könnens, die für mich damals schon so interessant war, und ich hoffe sehr, dass diese Tradition fortgeschrieben wird.

Auf dem Programm steht Philip Glass‘ Tirol Concerto. Sie kennen Glass schon sehr lange, haben unzählige seiner Werke ur- oder erstaufgeführt und u.a. alle seine Sinfonien eingespielt. Wie haben Sie einander kennengelernt?

Unsere langjährige Freundschaft begann 1981 mit der Produktion „Satyagraha“ mit dem Stuttgarter Staatsorchester an der Staatsoper in der Inszenierung von Achim Freyer. Daraus entstanden viele weitere Projekte. Aber unsere Freundschaft geht weit über die Musik hinaus, wir sind beide Familienväter, haben gemeinsamen Interessen außerhalb der Musik und telefonieren sehr oft. Meine Frau, die Pianistin Maki Namekawa, sieht Philip manchmal öfter als ich, sie sind häufig in verschiedenen Projekten unterwegs.

Beim Namen Philip Glass fällt sofort der Begriff Minimalismus oder „Musik mit repetitiven Strukturen“. Daraus entsteht eine suggestive Kraft, die den Hörer nach und nach in ihren Bann zieht. Worin liegt für Sie persönlich das Geheimnis seiner Musik?

Ich habe zu vielen Komponisten eine enge Verbindung. Dabei geht es mir stets darum, dass ein Komponist eine Musik komponiert, die eine Aussage hat, für die ich das Publikum begeistern kann. Bei Philip Glass schätze ich die Qualität seiner Musik und seiner Arbeit, seine Kenntnis der Instrumente, seine Qualität als Musiker und als jemand, dessen Musik einem Dirigenten einen Sinn gibt, sich mit ihr zu beschäftigen. Der Minimalismus ist ein weiter Begriff. Es ist eine Art Philosophie der Komposition, die schon ein halbes Jahrhundert alt ist und die wahrscheinlich sehr nötig war: die Rückkehr zur Tonalität und die Beschäftigung mit dem meditativen Aspekt von Musik . Auch Arvo Pärt, Giya Kancheli, John Adams und so viele andere gute Komponisten hatten hier einen großen Einfluss.

Sie haben Philip Glass‘ Tirol Concerto mit dem Stuttgarter Kammerorchester im Jahr 2000 uraufgeführt. Wie ist das Werk entstanden?

Wie viele Komponisten komponiert Philip sehr gern, wenn er weiß, wer das Stück spielen wird. Für das Stuttgarter Kammerorchester, das er gut kennt, hat er z.B. auch seine dritte Sinfonie geschaffen. Ich hatte damals zusammen mit dem Pianisten und Komponisten Thomas Larcher die Idee, für dessen Festival Klangspuren ein Konzert zu machen. Die Tirol Werbung hatte an diesem Auftragswerk auch einen großen Anteil, so wurde z.B. der 2. Satz als Sound zu einem sehr gelungenen Tirol-Film benutzt. Thomas Larcher hat Philip ein Buch mit Tiroler Volksliedern in die Hand gedrückt, und Philip hat daraus kurioserweise ein Marienlied ausgesucht, das gleich zu Beginn des Konzerts zitiert wird. Aber wenn man es nicht weiß, kommt man nicht darauf, was das eigentlich für ein Lied ist. Und wenn man es weiß, ist es ein doppelter Spaß für den Zuhörer.

Die drei Sätze des Tirol Concertos, das Sie als Pianist und Dirigent vom Flügel aus leiten, hat Ihnen Philip Glass auf den Leib geschrieben. Ist diese Doppelfunktion eine Herausforderung?

Dirigieren und gleichzeitig den Solopart spielen geht nur bei gewissen Werken, beim Tirol Concerto z.B. oder beim sehr schönen Valse Boston, den Giya Kancheli für das Kammerorchester und mich als Solisten komponiert hat, oder auch bei Gershwins Rhapsody in Blue. Ansonsten bin ich persönlich der Meinung, dass es in Konzerten zwei Partner, nämlich Dirigent und Solist, geben sollte, und als Pianist genieße ich es eher, wenn ein Dirigent seinen Part übernimmt. Doch gerade das Tirol Concerto wurde so konzipiert, dass es sehr gut funktioniert. Philip wusste, dass das Stuttgarter Kammerorchester viele Werke ohne Dirigent spielt und dass es mit seiner Art von Musik vertraut ist.

Der große Musical-Star Helen Schneider interpretiert in diesem Programm eine Song-Auswahl von Charles Ives in der Orchestrierung von William Bolcom. Wie kam es zu dieser Fassung?

Ein damaliger sehr guter Musiker beim Kammerorchester, Mini Schulz, hat oft mit Helen zusammengearbeitet, auch als Jazz-Bassist. Er hat uns zusammengebracht. Die Konzertidee mit den Ives-Liedern kam von Helen selbst. Dann entstand die Idee, ob man nicht eine Orchesterfassung von diesen Liedern schaffen könnte. Für mich war William Bolcom dafür ideal. Er spielte sie, er kannte sie, er ist ein ausgezeichneter Pianist und ein wunderbarer Komponist, und es gibt sehr viele philosophische Ähnlichkeiten zwischen Ives und Bolcom. Er war dafür geradezu prädestiniert. Was Helen Schneider angeht: das ist das Ungewöhnliche dieses Projekts, weil man bei manchen Liedern vielleicht eher ein klassisches Sängertimbre erwartet. Aber erfreulicherweise passte das sehr gut zusammen. Helens Stimme ist wirklich beeindruckend und bringt eine andere Farbe in diese Stücke, so wie es weder Ives noch Bill (William Bolcom) gedacht hätten. Bills Frau, Joan Morris, singt auch viele Musica- und Broadway-Lieder, daher kennt sich Bill mit so einer Art von Stimme perfekt aus.

William Bolcoms „Romanza“, die Sie mit Susanne von Gutzeit (Solovioline) und dem Stuttgarter Kammerorchester hier zur deutschen Erstaufführung bringen, greift auf die Romanze der Klassik und Frühromantik zurück. Wie bei Charles Ives leben William Bolcoms Werke von einer stilistischen Vielfalt, wie sie typisch ist für die amerikanische Musik. Was schätzen Sie an seiner Musik?

Bill hat 9 Sinfonien, 4 Opern, 11 Streichquartette und vieles mehr geschrieben, seine Opern werden an der Met und anderen großen Opernhäusern der USA aufgeführt. Er ist ein klassischer Komponist mit breit gestreuten Interessen: Er war z.B. einer der Initiatoren des Ragtime-Revivals vor etwa 50 Jahren. Bill hat die Sprache der populären Musik ohne Hemmungen, aber auch ohne Zitate oder Kitsch, aufgegriffen und auf natürliche und authentische Art zum Ausdruck gebracht. Er beherrscht sein Metier und hat ein Ohr dafür, was für populäre Musik im besten Sinne zur klassischen Musik beizutragen hat.

Interview: Anne Sophie Meine