SKO 2.0

In letzter Zeit durfte sich das Stuttgarter Kammerorchester gleich mehrfach über Nachwuchs freuen. Im Gespräch mit Müttern und Kindern erfahren wir mehr über die Wirklichkeit zwischen Wickeltisch und Probenraum.


Es ist schon ein ungewöhnliches Bild, das sich dem Betrachter an diesem Vormittag im Büro des Stuttgarter Kammerorchesters bietet: Neben Susanne von Gutzeit, Kamila Mayer-Masłowska und Malgorzata Keitel haben Mio (11 Wochen), Liliana (6 Monate) und Ellen (1 Jahr) das Büro des Intendanten geentert. Wo sonst an Konzertprogrammen und Probendispositionen gefeilt wird, liegt heute eine Decke mit kleinen grauen Elefanten ausgebreitet. Darauf liegt eine interessiert dreinblickende Liliana, die beharrlich versucht, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Ein Glucksen und Plappern, das unbeschwerter und unterhaltsamer nicht sein könnte, wird unser Gespräch begleiten. Sichtlich entspannt berichten die drei Mütter über ihre Erfahrungen als Musikerin und Mama und sprechen über die unendlich spannende Zeit der Kindheit, in der wir alles zum ersten Mal machen. Alles lernen. Alles erfahren. Und alles in den Mund nehmen. Die neuen Lebensumstände rufen dabei auch die Erinnerungen an die eigene Kindheit wach: Susanne von Gutzeit berichtet etwa von dem kleinen Mädchen, das sich einst abends heimlich auf die Treppe schlich, um zu lauschen, wie die Eltern gemeinsam Mozart-Sonaten musizierten. Kamila Mayer-Masłowska erinnert sich indes an ihren ersten Kontakt mit Musik im Kindergarten: „Der Tag, an dem musikalische Früherziehung auf dem Programm stand, war mein ab-so-lu-ter Lieblingstag“.
Die Faszination und der Zauber von damals scheinen bis in die Gegenwart zu strahlen – und darüber hinaus. Und als beim diesjährigen Orchester-Sommerfest die Musikerkinder gemeinsam spielend im Kies saßen, hatte Malgorzata Keitel beinahe so etwas wie ein Déjà-vu. Als sie vor über zehn Jahren in das Orchester kam, war dieses Bild noch weit weg, eher fühlte sie sich selbst als Teil einer neuen Generation. Jetzt spüre sie, mittlerweile eine Phase aufgerückt zu sein. „Gerade entsteht so eine Art SKO 2.0“, ergänzt Susanne von Gutzeit augenzwinkernd.

Liliana hat es zwischenzeitlich geschafft: bäuchlings liegt sie auf ihrer Decke und beginnt, einen Kaffeelöffel auf seine Stabilität hin zu prüfen. Der kleine Mio in seinem gestreiften Strampelanzug schläft derweil einen seligen Schlaf. Er kuschelt sich so eng wie es nur geht an seine Mutter als sie erzählt, wie sie mit ihm zusammen singt, spielt und tanzt, damit er Musik von vorneherein als etwas Lebendiges wahrnimmt und die Geige nicht als Konkurrentin auffasst. Er soll spüren: „Musik bedeutet nicht, dass die Mama weg ist“. All die vielen Beobachtungen und Anekdoten, die die Mütter dann teilen, finden in einem Punkt zusammen: Kinder sind anspruchsvolle Zuhörer! Bereit, sich auf unterschiedliche Stile und Epochen einzulassen – aber eben auch ganz schön wählerisch. So gesteht Malgorzata Keitel lachend, dass ihre Tochter Ellen die exklusiven Privatkonzerte der Mutter zu Beginn meist nicht zu schätzen wusste. Zu laut, so mutmaßt sie, war die Geige für die empfindlichen Kinderohren. Dafür hatte die junge Dame aber quasi von Geburt an eine Lieblings-CD, die im Falle von etwaig aufkommendem Unmut schnell Abhilfe schaffen konnte. Momentan ist davon jedoch keine Spur: quietschfidel flitzt sie in ihrem aparten Patchwork-Kleidchen, das folkloristische polnische Stoffe mit modernem Jersey verbindet, quer durchs Büro.
Aus den Konfrontationen von Kindern mit Musik wird immer wieder deutlich, wie unmittelbar und intuitiv Musik auf uns wirken kann. Und eben diese Selbstverständlichkeit vermag zu verdeutlichen, wo Musik ihren Platz und ihre Bestimmung hat: Nicht im elitären Elfenbeinturm, wo sich so mancher Zuhörer von mitunter fragwürdigen Metadiskursen wohl eher aus- denn eingeschlossen fühlen dürfte. Nein, Musik soll überall dort hinkommen, wo es Menschen gibt, die sie lieben – egal, ob jung oder alt, in Jeans oder Frack, im Konzertsaal oder Klassenzimmer. Und wer könnte dieses Unbefangene besser verkörpern als ein Kind? Immer wieder kreist das Gespräch um den wahnwitzigen Seiltanz zwischen den Anforderungen des Musikerberufs und der wahrscheinlich größten Aufgabe, die uns Menschen anvertraut ist. So erzählt Kamila Mayer-Masłowska, die neben Tochter Liliana bereits den dreijährigen Daniel zur Welt gebracht hat, von ihrem ersten Konzert nach der Elternzeit. Das erste Mal wieder auf der Bühne zu sein, glich der Begegnung mit einem alten Freund, von dem man gar nicht wusste, wie sehr man ihn vermisst hat, bis zu dem Moment, in dem man ihn wieder trifft. „Richtigen Musikentzug“ diagnostiziert sie im Nachhinein und man kann den magischen Hauch der Sehnsucht spüren, der über ihrer Erzählung liegt. Während des Gesprächs wird unterdessen immer wieder deutlich, dass sich die Arbeit als Orchestermusikerin stark von einem „klassischen“ Berufsalltag – inklusive Vor- und Nachteilen – unterscheidet. Besonders Kamila Mayer-Masłowska, die zwischen ihrem ersten und zweiten Kind in den Probenraum zurückkehrte, kann davon ein Lied singen. Und gerade
die Tage, an denen bis Mittag geprobt werde und abends ein Konzert anstehe, glichen mitunter einem organisatorischen Kraftakt. Insgesamt kann sie aber über so mache Sorgen im Vorfeld nur lachen: „Hätte ich gewusst, dass alles so gut klappen würde, dann hätte ich mir die ein oder andere unruhige Nacht gespart“. Vor allem die Erfahrung, dass Kollegen durch den gegenseitigen
Austausch noch näher zusammenrückten, haben alle drei als bereichernd erfahren. Indes attestiert Malgorzata Keitel den kinderlosen Kollegen wohlwollende Nachsicht, wenn es um die Gesprächsthemen in den Probenpausen geht. Die hätten sich in letzter Zeit doch etwas geändert. Wenn es mal wieder um Kita-Plätze, Babyschwimmen und Beikost geht, steht fest: „Die sind schon sehr geduldig mit uns“.
Dann sind wir am Ende unseres Gesprächs: nach kurzer Nahrungsaufnahme schläft Mio mittlerweile wieder, sein Atem geht ruhig. Die Elefantendecke wird zusammengelegt und wandert zu dem kleinen Holzbüchlein und dem Gummiring in die Tasche zurück. Vom Arm ihrer Mutter aus winkt Ellen zum Abschied in die Runde.

P.S.: Nur einen Tag vor dem Gespräch brachte auch Katharina Fasoli ihr erstes Kind zur Welt. Wir gratulieren herzlich und wünschen der kleinen Familie alles Gute!

Margret Findeisen